Zumindest erklärt der erste Teil der Überschrift möglicherweise, wie
man auf die Idee kommen kann, einen Zyklopen spielen zu wollen.
Jedenfalls muss es solche Leute geben, denn sonst gäbe es kaum einen
Grund, warum Purple Duck Games gerade „Legendary Races: The Cyclops“ (LRTC) als PDF veröffentlicht hätte.
Hört sich ein bißchen abfällig an? Das war auch tatsächlich meine
anfängliche Haltung, als ich den Titel entdeckt habe. Ich habe es mir
trotzdem angesehen, weil ich von Autor Stefen Styrsky schon die ein oder
andere schöne Sache gelesen habe und Mitstreiter und Layouter Mark
Gedak mir von der GrandOGL-Wiki her ein Begriff ist. Und ich muss
zugeben, dass meine anfänglichen Zweifel nicht nur zerstreut wurden,
sondern ich sogar selbst zum Mitglied oben genannter Gruppe geworden
bin. Jedenfalls beinahe.
LRTC ist ein schönes Beispiel, wieviel Regelmaterial man auf engem
Raum unterbringen kann, ohne dabei den Hintergrund komplett zu
vernachlässigen. Die PDF umfasst 16 Seiten, wovon allerdings 3 Seiten
für Titelblatt und OGL draufgehen; der Rest ist immerhin Inhalt pur. Das
Layout ist klar, die Illustrationen in Schwarz-Weiß gehalten und werden
spärlich genug eingesetzt, um tatsächlich dem Text den Vorrang zu
geben. Der Preis von 1,50 $ ist für diesen Umfang also sicher nicht zu
hoch angesetzt. Als Regelgrundlage dient das Pathfinder Rollenspiel und
der im Pathfinder Monsterhandbuch beschriebene Zyklop.
Auf den ersten anderthalb Seiten wird die Geschichte, das Aussehen
und die Lebensweise der Zyklopen beschrieben. Stefen Styrsky kopiert
dabei nicht einfach den Text aus dem Pathfinder Monsterhandbuch, sondern
orientiert sich mehr an der griechischen Mythologie. Motive wie die
große Schmiedekunst der Zyklopen, aber auch ihre Fähigkeit in die
Zukunft zu schauen, baut er geschickt ein, um ihren Fall aus einstiger
Höhe dann mit einem Krieg gegen die Götter zu erklären, in deren Gunst
sie einst gestanden hatten. Der Hintergrund wird mit der Beschreibung
einer unter Zyklopen beliebten neuen Waffe, der Gieve beschrieben, wobei
es sich um eine in Meisterarbeit aus Mithral hergestellte Wurfwaffe mit
Bumerang-ähnlichen Eigenschaften handelt, die ihren Wert wohl mehr als
Sammlergegenstand denn als echte Waffe besitzt.
Als nächstes folgt eine Beschreibung des Zyklopen als sogenannte
„racial class“. Über sechs Stufen hinweg steigt ein Charakter also in
der Klasse „Zyklop“ auf und erwirbt dabei nach und nach die
Eigenschaften eines ausgewachsenen Zyklopen. Es gibt dabei einige
Veränderungen im Vergleich zur Vorlage des Monsterhandbuchs und ich bin
mir auf Anhieb nicht sicher, wie balanciert das am Ende ist, aber
zumindest kann man sagen, dass die zusätzlichen Fähigkeiten mit Bedacht
ausgesucht wurden und gut in das vorher beschriebene Konzept passen.
Sehr interessant finde ich allerdings den darauf beschriebenen
Halbzyklopen, der dem Standard der Grundvölker angepasst ist und damit
sicherlich ohne größere Balanceprobleme spielbar ist. Hier geht es dann
auch ins Detail. Nach dem eigentlichen Eintrag für das Volk gibt es
einen Überblick über das Verhältnis von Halbzyklopen zu den einzelnen
Grundklassen (inkl. der neuen Pathfinder-Grundklassen aus dem Advanced
Player’s Guide). Darauf folgen alternative Volksmerkmale, mit denen die
unterschiedlichen Aspekte des zyklopischen Erbes unterstützt werden
können, sowie ein paar Zusatzoptionen für den Aufstieg in der
bevorzugten Klasse. Neue Talente für Zyklopencharaktere und ein neues
Mysterium für Orakel runden diesen Regelteil ab. Dazu kommen dann noch
zwei Templates für Monster, die thematisch mit Zyklopen verbunden, aber
nicht nur für diese anwendbar sind, ein Beispiels-NSC und am Schluss mit
dem „Cthonic Cyclops“ noch ein hochstufiges (HG 16) Monster, mit dem
man die Spielercharaktere piesacken kann.
Eine Sache hab ich noch ausgelassen, nämlich „Thundercaster“, eine
sogenannte „Legendäre Waffe“. Das dahinterstehende Konzept ist nicht
ganz neu, die konkrete Ausprägung ist aber wohl in einem anderen Produkt
von Purple Duck Games enthalten, dass mir aktuell nicht vorliegt. So,
wie ich es verstehe, scheint es sich dabei aber um eine Waffe zu
handeln, die quasi mit dem Charakter stärker wächst, der sich also nicht
ständig nach einer neuen Waffe umschauen muss, weil die alte nicht mehr
gut genug ist. Passt hier natürlich wunderbar in den Hintergrund der
Zyklopen als einstmals großartige Schmiede, vor deren Kunst sogar die
der Elfen und Zwerge verblassen würde. Allerdings hätte es mir besser
gefallen, wenn sie das auf dem Konzept der vorher vorgestellten Gieve
gemacht hätten (hier handelt es sich um eine Axt).
Alles in allem bin ich sehr positiv überrascht worden. War ich
zunächst skeptisch ob des vermuteten Inhalts, habe ich darinnen eine
ganze Menge schöner Ideen gefunden, die ich durchaus in meine eigene
Welt einbauen möchte. Ich bin ein bissl skeptisch ob der Balanciertheit
der Volksklasse „Zyklop“, aber ansonsten gefällt mir eigentlich recht
gut, wie der Hintergrund regeltechnisch umgesetzt wird. Ein zwei
kleinere Macken bei Editing und Lektorat kann ich jedenfalls durchaus
verschmerzen und wer mit etwas exotischeren Grundvölkern mit
mythologischem Hintergrund etwas anfangen kann, dürfte an LRTC sicher
seinen Spass haben.
Als kleines Schmankerl zum Schluss eine der Alternativen Volkseigenschaften:
.
Weapon Smith: Half-cyclops inherit the skill of their
long-dead ancestors. A half-cyclops with this racial trait receives a +2
racial bonus on all Craft and Profession checks to manufacture weapons.
This racial trait replaces the keen eyesight racial trait.
.
Ein Autor, der nicht vergisst, dass Regelmaterial durchaus auch das
Charakterspiel unterstützen darf, hat bei mir immer einen Stein im
Brett.
Fröhliches Spielen,
WQ

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