Ich hab mich ja mal gerade wieder in eine dieser unsäglichen Edition
War-Diskussionen verwickeln lassen, bei der es eigentlich um D&D
Next hätte gehen sollen, was natürlich mal wieder an den üblichen
Faktoren scheiterte (sobald die alten Editionen ins Spiel kommen, ist es
halt direkt rum mit der Sachlichkeit; und jo, schnell auch bei mir).
Stein des Anstoßes war der jüngste Legend & Lore-Artikel von Mike
Mearls, in dem es um Multiclassing in D&D Next
ging, und in dem auch in einem Nebensatz das Thema Prestigeklassen
angeschnitten wurde, die Mearls wohl wieder ins Spiel zurückholen
möchte.
Zitat:
„Ich würde die Prestigeklassen gerne wieder ins Spiel integrieren,
dabei allerdings stärker ihre Rolle als ein Werkzeug betonen, mit
dem man wichtige Organisationen, geheimes Wissen, mystische Geheimnisse
und andere Elemente einer Kampagnenwelt darstellen kann. Sie sollten ein echtes Gefühl des Prestiges vermitteln und Eintrittsbedingungen haben, die Storyelemente wie die Suche nach einem uralten Buch, den Eintritt in eine Gilde oder die Durchführung eines Rituals enthalten.“
Im Vergleich dazu die Definition aus dem Pathfinder Grundregelwerk (die sich ja nicht wesentlich von der von 3.5 unterscheidet):
„Prestigeklassen eröffnen den Charakteren wahrhaft außergewöhnliche Möglichkeiten und gestatten es ihnen, Kräfte zu entwickeln, mit denen sie ihre Mitmenschen überflügeln können. Im Gegensatz zu den Basisklassen müssen die Charaktere bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um die erste Stufe einer Prestigeklasse zu erreichen.
Wie man anhand der fettgedruckten Passagen leicht erkennen kann,
findet hier ein Paradigmenwechsel statt. In 3.x sind Prestigeklassen in
erster Linie ein Konstrukt des Machtzuwachses, und während die
Voraussetzungen nicht genau definiert sind, kann man an der
schlussendlichen Umsetzung in den Regelbüchern leicht erkennen, dass es
sich dabei vor Allem um regeltechnische Voraussetzungen geht. Zwar gab
und gibt es auch dort Prestigeklassen, die ein Element der jeweiligen
Kampagnenwelt umsetzen, aber zum großen Teil überwiegen generische,
technische Prestigeklassen, bei denen das Können wichtiger ist als der
Fluff.
Bei Mearls hört sich das nun so an, als sollten sich die
Next-Prestigeklassen vor allem auf Fluff-Klassen beschränken, während
regeltechnische Konstrukte auf andere Teile der Regeln umgelegt werden.
Mich persönlich freut das sehr, weil das eigentlich genau das ist, was
ich von einer Prestigeklasse erwartet, die diesen Namen auch verdient.
Nämlich eine Klasse, die dem Charakter weniger neue Fähigkeiten als vor
allem besagtes Prestige verleiht. Ich mag z.B. prinzipiell den
Assassinen, aber meines Erachtens wäre dieser besser als vollständige
Basisklasse, als Schurkenarchetyp oder meinethalben auch mit
alternativen Klassenstufen umgesetzt. Aber die Assassine der Roten
Mantis? Das ist das, was ich gerne als Prestigeklasse sehe, weil diese
fest in die Kampagnenwelt integriert ist und damit sowohl Setting- als
auch Storyaspekte beinhaltet.
Jetzt wissen wir ja noch nicht, wie die Implementation der
Prestigeklassen in D&D Next aussehen wird, aber solange sie den von
Mearls genannten Designgedanken ernsthaft umzusetzen versuchen, freue
ich mich schon sehr auf die Rückkehr der Prestigeklassen, mit denen ich
in 3.5/Pathfinder so das ein oder andere Problem habe.
Und weil es ja in oben genannter Diskussion auch um das Thema
Prestigeklassen vs. Paragonpfade ging, fasse ich noch mal meine eigenen
Gedanken dazu schnell zusammen.
Der Vorteil der Paragonpfade liegt sicherlich in der stärkeren
Strukturierung gegenüber den Prestigeklassen: Es ist genau festgelegt,
auf welcher Stufe man Zugang zu einem Paragonpfad erhält und auf welchen
Stufen man welche Paragonpfadspezifischen Kräfte erhält. Gleichzeitig
belegen diese Kräfte nicht alle Slots beim Stufenaufstieg, sondern kann
der Charakter nach wie vor Kräfte seiner Grundklasse wählen. Er hört
also nicht komplett auf ein Kämpfer zu sein, nur weil er den Pfad des
Kensei eingeschlagen hat. Wichtig ist hier aber vor allem, dass die
feste Struktur es den Designern natürlich stark vereinfacht, die
Paragonpfade balanciert zu gestalten, weil sie auf jeder Stufe feste
Vergleichsparameter haben.
Im Vergleich dazu haben die Prestigeklassen sicher den Vorteil der
größeren Flexibilität. Erfüllt man die Voraussetzungen, kann man sich
jederzeit dafür entscheiden, Stufen in der Prestigeklasse zu nehmen (ob
auf Stufe 6 oder Stufe 20, spielt technisch gesehen keine Rolle).
Gleichzeitig hat man die vollständige Freiheit, wie man das Verhältnis
von Grund- und Prestigeklasse gestalten möchte, von 10/10 bis 19/1 ist
alles denkbar. Wenn man will kann man sogar Stufen in verschiedenen
Prestigeklassen wählen, was auch dadurch erleichtert ist, dass diese
nicht zwingend 10-stufig sein müssen ( es gibt auch 3- und 5-stufige
Klassen, andere sind wenigstens denkbar falls nicht sogar existent). Die
Freiheit der Charaktergestaltung mit Prestigeklassen ist also deutlich
größer als die Gestaltung über Paragonpfade.
Für mich persönlich sind beide Vorteile aber auch gleichzeitig
Nachteile. Paragonpfade sind mir zu strukturiert, zumal sie manchmal
versuchten, den Inhalt von Prestigeklassen wiederzugeben, was aufgrund
der Struktur gar nicht vollständig gelingen konnte. Prestigeklassen
hingegen sind ein echtes Risiko für die Spielbalance, da es eigentlich
unmöglich ist, eine Stufe in einer Prestigeklasse so zu designen, dass
sie unabhängig davon nützlich ist, auf welcher Stufe man sie nimmt. So
ist (um ein Beispiel zu nennen), die Prestigeklasse Schattentänzer
für den Schurken um so interessanter, je früher er sie wählt, weil er
ansonsten mit einigen Fähigkeiten „belohnt“ wird, die er schon als
Schurke automatisch erworben hat oder als Schurkentrick erwerben konnte.
Heißt im Umkehrschluss, dass je später er sie nimmt, er um so weniger
von den Schattentänzerstufen profitiert. Andererseits ist die auf der
ersten Stufe erhältliche Fähigkeit „Meisterliches Verstecken“ für
Schurken natürlich extrem nützlich, so dass die Versuchung, einfach nur
in die PrC reinzudippen, sehr groß ist, und das ist eigentlich immer ein
Zeichen dafür, dass mit der Balance etwas nicht stimmt.
Da liest sich Mike Mearls Beitrag eigentlich als Versprechen, etwas
zwischen diesen beiden Extremen zu basteln. Zumindest wenn man davon
ausgeht, dass seine allgemeinen Aussagen über das Multiclassing auch für
Prestigeklassen gelten werden. Die Idee, die Klassen in Abhängigkeit
von der Gesamtstufe, auf der sie gewählt werden, mitscalen zu lassen,
klingt jedenfalls danach, als wolle man die Flexibilität der
Prestigeklassen mit dem höheren Balancegrad der Paragonpfade zu
verbinden versuchen.
Was eigentlich eine hervorragende Lösung für alle sein sollte.

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