Eigentlich wollte ich aus einem anderen Anlass mich nochmal mit dem
leidigen Thema „schummeln“ befassen, bin dabei aber in meinem
Dokumenteordner auf einen Teilbeitrag zum Thema gestoßen, den ich dem
ganzen voranstellen möchte Ich weiß nicht mehr, wo und wann das war,
aber irgendwo in einem anderen Blog stellt jemand in der
Kommentarsektion die (ironisch-rhetorische) Frage, warum man denn beim
Rollenspielen überhaupt übers Schummeln aka Würfeldrehen diskutiere,
wenn man doch beim Brettspiel dafür richtig viel Ärger bekomme?
Aus dem damaligen Kontext herausgerissen gibt es dafür eigentlich eine sehr einfache Antwort :
Rollenspiele sind nun mal keine Brettspiele.
1.In Brettspielen sind im Allgemeinen die Regeln des Spiels die
einzige Kommunikationsgrundlage, auf der die Spieler ihre Entscheidungen
aufbauen. Es gibt keinen Spielleiter als vermittelnde/regelnde Instanz.
Der im Rollenspielbereich so oft bemühte Gruppenvertrag ist in diesem
Fall deckungsgleich mit dem Regelwerk des jeweiligen Spiels. Und sonst
gibt es nichts. Im Rollenspiel hingegen ist das Regelsystem lediglich
ein Teil des Gruppenvertrags und hat alleine von daher eine geringere
Priorität, die festzulegen natürlich Aufgabe der Gruppe ist und nicht
automatisch den Passus „Würfeldrehen ist nicht erlaubt“ enthalten muss.
2.In Brettspielen spielt man (meist) gegeneinander, in Rollenspielen
(meist) miteinander. Sprich in Brettspielen ist ein ganz starker
kompetitiver Grundgedanke enthalten. Die Regeln sollen nun
sicherstellen, dass alle Beteiligten möglichst die gleiche Gewinnchance
besitzen, ein Regelbruch ist hier also eine (eigennützige) Vorteilsnahme
zulasten der „Gegner“. In Rollenspielen hingegen arbeiten die Spieler
zusammen am Erreichen eines gemeinsamen Ziels, und selbst der
Spielleiter ist dabei weniger Gegner als Mitspieler. Zwar steuert er u.a
die Opposition der Spielercharaktere, verfolgt damit aber
typischerweise nicht das Ziel zu gewinnen. Im Gegenteil ist es letztlich
sein Ziel, die anderen Spieler gewinnen zu lassen. Andererseits möchten
die Spieler natürlich das Gefühl haben, das ihre Charaktere echte
Herausforderungen bestehen (müssen), um sich den Erfolg auch zu
verdienen. In diesem Sinne wäre ein bewusster Regelbruch also nur dann
prinzipiell abzulehnen, wenn er den Erfolg der Spieler verhindert bzw.
die Herausforderung aus dem Spiel nimmt.
Zwischenfazit (und eigentlich auch schon
Beantwortung der Frage): In Brettspielen ist Schummeln aus gutem Grund
so negativ konnotiert, da es einerseits die Wettbewerbsfähigkeit der
Spieler beeinflusst und andererseits die gemeinsame
Kommunikationsgrundlage zerstört. In Rollenspielen herrscht aber in der
Regel gar kein Wettbewerb zwischen den Spielern, gleichzeitig sind die
Regeln aber nur ein Teil und nicht das Zentrum der Kommunikation. In
diesem Umfeld gibt es mehrere Antworten auf die Fragen, ob, wann und auf
welche Weise man schummeln darf, und das muss letztlich jede Gruppe für
sich selbst entscheiden. Die Diskussion um dieses Thema ist dem Genre
also inhärent.
Ich ergänze das ganze noch um einen dritten Punkt, der aber sehr persönlicher und damit subjektiver Natur ist.
3.In Brettspielen hängt mein Spielspaß sehr stark von den Regeln des
Spiels ab. Oder anders gesagt, ich spiele ein bestimmtes Brettspiel
generell nur dann, wenn mir seine Regeln gefallen. Es gibt Brettspiele,
die ich geradezu hasse, und die ich nur ausnahmsweise mal spielen würde,
wenn es keine Alternative gibt, und ich ansonsten als Spielverderber
dastehen würde. Da würde ich dann womöglich mal gute Miene zum (bösen)
Spiel machen, aber besonders viel Spaß hätte ich sicherlich nicht.
Als Rollenspieler ist es mir nun offen gesagt herzlich egal, ob bzw.
welches Regelsystem die Grundlage einer Spielrunde bildet. Ich betreibe
Rollenspiel nicht wegen irgendeines Regelwerks, sondern weil es für mich
die ideale Form kollaborativen Spiels darstellt. Klar hab ich
Präferenzen, was die Regelsysteme angeht, aber als Spieler würde ich
eigentlich alles mitmachen, was mich auch nur annähernd interessiert und
als Spielleiter setzt eigentlich nur meine Faulheit, mich mit neuen
Systemen auseinanderzusetzen, meiner Experimentierfreude Grenzen.
Unter diesen Umständen ist wohl leicht erkennbar, warum ich
Schummeleien bei Brettspielen prinzipiell als negativ ansehe, während
ich bei Rollenspielen eine durchaus differenziertere Einstellung habe.
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