Donnerstag, 20. Februar 2014

[Nachgedacht]Schummeleien 2 – Braucht man das eigentlich?

Ist schon etwas her, dass ich meinen letzten Post zu dem Thema geschrieben habe, aber nachdem ich gestern aus Versehen noch mal drauf gestoßen bin bin, nutze ich die Gelegenheit, mich dem Thema noch mal zu widmen.

Im Vorwort einer alten Ausgabe des Dungeon Magazine schrieb Jeremy Walker nämlich (allerdings im Kontext des Themas Regelfuchserei): In the grip of righteous fury, it’s easy to overlook the fact that the game is bigger than the rules.

Das war dort als Ermahnung an Rules Lawyer gemeint, nicht durch festes Beharren auf genauer Regelauslegung/-einhaltung den Mitspielern auf den Keks zu gehen, man könnte es aber auch denjenigen entgegnen, denen bei der Erwähnung des Begriffs Schummeln gleich der Blutdruck auf ungesunde Werte steigt. Und genau darum ging es ja auch in meinem letzten Beitrag, nämlich dass – im Gegensatz zu vielen Brettspielen – die Regeln nur einen (und in meinen Augen nicht mal einen wichtigen) Teil des Spieles darstellen.

Aber möglicherweise ist das auch der Kern des ganzen Zwistes. Wer diese Einstellung zu den Regeln eines Rollenspiels nicht teilt, wird auch das Thema Schummeln mit ganz anderen Augen sehen. Speziell wenn dann noch, wie aus Teilen der ARS-Ecke bekannt, der Wettbewerbsgedanke dazu kommt.

Aber egal, so locker ich das Thema Schummeln auch sehe, verzichte ich doch interessanterweise selber komplett darauf, als Spieler oder speziell als Spielleiter zu schummeln. Nicht weil ich es für ein Verbrechen halte oder weil meine Spieler damit ein Problem hätten, sondern aus dem einfachen Grund, dass ich es gar nicht benötige. Womit wir endlich beim Thema dieses Blogeintrages wären.

Der eine Grund, warum ich darauf verzichten kann, ist der, dass ich nach vielen Jahren der Beschäftigung mit „meinem“ System“ (also D&D 3/3.5/PF) eine gewisse Regelmeisterschaft entwickelt habe. Das minimiert nicht nur etwaige unfreiwillige Schummeleien (auch Regelfehler genannt), sondern ist mir auch sehr hilfreich, wenn es darum geht, mich an exotischere Regeln zu erinnern, die ich nutzbringend einsetzen kann, um ein bestimmtes Element des Spiels regelgerecht umzusetzen. Oder anders gesagt: Bei fast allen Gelegenheiten, wo ich vielleicht zu schummeln in Versuchung kommen könnte bzw. früher gekommen wäre, hätten mir die Regeln im Prinzip Werkzeuge bereit gestellt, das Problem auch ohne Schummeln zu lösen.

Sehr hilfreich ist an dieser Stelle auch die eigentlich selbstverständliche Erkenntnis, dass man nicht immer würfeln lassen muss, wenn man den Erfolg oder Misserfolg einer Aktion sicherstellen möchte. Ich muss nicht bei jedem Sprung eines Charakters einen Wurf auf Springen verlangen, was speziell dann gilt, wenn der Fokus des Spiels eigentlich auf irgendetwas anderem liegt und der Erfolg niemandem einen Vorteil bringt, bzw. der Misserfolg dem Spielspass dieses Spielers Abbruch täte. Setzt natürlich etwas Fingerspitzengefühl voraus (und wenn der Spieler trotz Misserfolgsrisikos würfeln möchte, lässt man ihn natürlich), aber zu würfeln, um dann das Ergebnis zu drehen, weil es einem nicht gefällt, ist in meinen Augen einfach unnötige Energieverschwendung.

Der zweite Grund ist, dass es nicht „meine“ Geschichte ist, die im Spielverlauf erzählt wird, sondern „unsere“ Geschichte, also die Geschichte, die im Zusammenspiel von Spielleiter, Spielern UND Würfeln gemeinsam entwickelt wird. Richtig, die Würfel haben daran auch ihren Anteil, legen sie doch zufällig den Ausgang bestimmter Aktionen fest und beeinflussen damit die entstehende Geschichte. Was ich als Bereicherung empfinde, weil es alle Beteiligten immer wieder vor neue Situationen stellt, und dadurch einen Improvisationszwang herstellt, der das Spiel davon abhält langweilig zu werden. Ich erzähle gerne Geschichten (auch im Rahmen des Rollenspiels), allerdings ist es mir relativ egal, welche Geschichte ich erzähle, insoweit ist mir jedes Input von außen recht, dass die Geschichte in für mich nicht vorhergesehene Bahnen lenkt. Ob dieses Input nun von den Spielern oder den Würfeln kommt, ist mir dabei gleichgültig. Die Würfel zu drehen, um die Geschichte in meinem Sinn zu beeinflussen wäre also völlig kontraproduktiv.

Und drittens, und das füge ich jetzt nur der Vollständigkeit halber an, nicht weil ich wirklich so leite: Wenn ich den Spielern das Leben zur Hölle machen will, kann ich das völlig legal innerhalb jedes Regelwerkes tun. Und zwar viel effizienter als mit Schummeleien, die von den Spielern ja erst mal bemerkt werden müssen, bevor sie sich drüber ärgern können.


Für mich persönlich hab ich also gar keinen Grund, zu Schummeleien zu greifen. Ich kenne (inzwischen) die Regeln, ich habe keinen Drang, meine Version der Geschichte durchzusetzen und betrachte es sogar als bereichernd, wenn die Geschichte Wendungen nimmt, die ich nicht vorhergesehen habe. Ich sehe es aber nach wie vor ziemlich locker, wenn andere Spieler das anders handhaben, sofern das nicht aus besagtem dritten Grund geschieht. Aber da habe ich ehrlich gesagt mehr Probleme mit Regelfanatikern als mit Schummlern. Zumindest kenne ich mehr Leute, die die Regeln missbrauchen, um sie gegen die Spieler einzusetzen, als ich Schummler kenne, die gegen die Spieler schummeln. Vielleicht einfach eine Frage der Perspektive.

Aber wie dem auch sei: einen echten Grund zu schummeln, sehe ich nicht. Also kann ich es auch einfach lassen.

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