Kürzlich hat in einem Forum ein Poster den Begriff Genre-Purist als
im Vergleich zum Begriff „Ewig-Gestrige“ „bessere und höflichere
Umschreibung für Leute, die neue Editionen von Rollenspielen kategorisch
ablehnen“, vorgeschlagen. Das Editionskriegspotential mal außen
vorlassend, hat mich diese Umschreibung ein wenig ins Nachdenken
gebracht, weil bei den typischen Editionsdiskussionen ja gerne darüber
gestritten wird, ob man das aus den Änderungen entstehende Spiel immer
noch als D&D bezeichnen könne (die Antwort hängt davon ab, wen man
fragt), aber eigentlich nie die Frage diskutiert wird, welche
(literarischen oder anderen) Vorbilder mit welcher Edition am besten
umsetzbar sind.
Um keinen falschen Zungenschlag entstehen zu lassen. Für mich trägt
jede Edition von Dungeons & Dragons diesen Namen zurecht, mit
Pathfinder, Labyrinth Lords, Castle & Crusades etc. gibt es sogar
einige Varianten, die ich trotz ihres anderen Namens ebenfalls
dazurechnen würde. Insoweit ist D&D selbst bereits ein Genrebegriff,
nicht einfach nur der Name eines bestimmten Rollenspiels.
Wenn dem aber so ist, wie kommt es dann, dass eigentlich jeder
Spieler bestimmte Vorlieben bzgl. dieser Editionen hat? Auf den ersten
Blick hätte ich spontan ausgeschlossen, dass es sich dabei um eine Frage
des bevorzugten Genres handelt, aber bei genauerer Betrachtung scheint
das gar nicht so abwegig zu sein. Ich hab ein wenig darüber nachgedacht,
welches Subgenre der literarischen Fantasy ich denn mit den einzelnen
Editionen verbinde. Mit den gängigen Begriffen komme ich dabei aufgrund
zu großer Überschneidungen nicht weiter und muss mir deshalb teils mit
eigenen Konstrukten helfen.
Im Moment sieht meine Einteilung etwa so aus:
Original D&D: Sword & Sorcery
BECMI und AD&D: Greyhawk-Mystara-Fantasy (auch: Sandbox-Fantasy)
AD&D 2: Tolkien/Greenwood-Setting-Fantasy
D&D 3E: Wheel of Time/Eberron-Fantasy
D&D 4: Salvatore-Fantasy
So betrachtet sind die ersten Editionen von D&D noch am nächsten
an Autoren wie Burroughs, Howard und Leiber dran, wobei ich den
Unterschied darin sehen würde, dass OD&D noch am ehesten S&S pur
(vor allem der Held steht im Mittelpunkt, das Setting dient als
Backdrop für sein Handeln) darstellt, während mit BECMI und AD&D das
Setting langsam in den Vordergrund zu rücken beginnt. Allerdings stehen
diese Settings noch deutlich in der Tradition von Leibers Lankhmar oder
Howards Hyboria.
Spätestens mit AD&D 2 nimmt nun die detaillierte Beschreibung von
Settings immer mehr Raum ein. Die erste Frage ist nun nicht mehr so
sehr, ob man Conan, Fafhrd oder Gandalf spielen möchte, sondern, in
welchem Setting man das tun möchte. Insoweit folgen die Designer dieser
Welten ein wenig der Tradition Tolkiens, in dem sie diese über Abenteuer
und vor allem Quellenbücher immer stärker im Detail beschreiben. Ed
Greenwood steht für diese symbolisch als unerschöpfliche Quelle
kleinerer und größerer Details, die auch nach nunmehr fast 25 Jahren
immer noch nicht zu sprudeln aufgehört hat.
Auch der Stil der Abenteuer verändert sich. Bestand früher ein
Abenteuer aus der Interaktion eines Szenarios mit dem Handeln der
Spielercharaktere und entstand daraus im Nachhinein die Story, werden
die Abenteuer nunmehr deutlich erzähllastiger, was mit den
Dragonlance-Abenteuern wohl seinen Höhepunkt findet. Man könnte es
vielleicht so formulieren, dass die Charaktere das Abenteuer nicht mehr
erschaffen, sondern es erleben und der Spielleiter zunehmend vom
Moderator zum Erzähler wird.
D&D 3 bricht mit diesem Stil nicht allzusehr. Aber da, wo es bei
Tolkien um normale Leute (Halblinge) in einer epischen Handlung geht,
und die Helden bei allem Können durchaus verwundbar sind, haben die
Helden bei Jordan allesamt mehr oder weniger übernatürliche Fähigkeiten,
zur epischen Handlung gesellen sich also die epischen Helden. Besonders
deutlich am Eberron-Setting erkennbar, das absichtlich so gestaltet
ist, dass Spielercharaktere schon auf vergleichsweise niedriger Stufe zu
etwas ganz Besonderem werden (man vergleiche dazu die Stellung eines
Stufe 10-Charakters in den Reichen mit dem Eberron-Äquivalent) man
könnte vielleicht auch sagen, dass der Fokus wieder etwas stärker vom
Setting auf die Charaktere gelegt wird.
Und dieser Trend wird in der 4E nun konsequent umgesetzt. Im Prinzip
könnte man hier eine Rückkehr zum Ur-D&D insoweit postulieren, als
der Held wieder der Hauptträger des Abenteuers wird und dem Setting eine
deutlich untergeordnete Rolle zugewiesen wird. Allerdings ist das neue
D&D deutlich actionlastiger (und man mag an dieser Stelle durchaus
eine Analogie zu der Entwicklung des Genres der Action-Filme sehen:
erzählten die alten Filme eine (nicht immer erzählenswerte) Geschichte,
tritt bei modernen Vertretern die Story deutlich hinter die Effekte
zurück: möglichst rasante Schnitte, möglichst beeindruckende
Visualistik, die Handlung ist eher unwichtig). Deswegen habe ich es auch
Salvatore-Fantasy genannt, da es sich dort ähnlich verhält. Ich bin
bekennender Fan der Salvatore-Romane, man lese hier also nichts falsches
hinein, aber ich sehe es schon so, dass die 4E den Fokus etwas zu stark
auf das Können der Charaktere legt, sich aber recht wenig dafür
interessiert, wer diese Charaktere denn sind, bzw. das komplett den
Spielern überlässt.
Sicher gibt es Überschneidungen, und es ist ganz bestimmt nicht
unmöglich, mit der einen Systemvariante eine andere als die zugeordnete
Genrevariante zu spielen. Mir persönlich hilft die Unterscheidung
allerdings durchaus zu verstehen, warum meine persönlichen Vorlieben bei
AD&D 2 und D&D 3.X liegen. Würde man diese beiden
Systemeditionen als „Settinggetriebene Fantasy“ bezeichnen und den
anderen Varianten die Überschrift „Charaktergetriebene Fantasy“
verpassen, wäre das sogar offenkundig, aber auch schon wieder zu grob,
um es sachlich diskutieren zu können.
Dennoch bleibt für mich als Fazit der Gedanke, dass ein für mich
interessanter Charakter nicht unabhängig von dem Setting zu denken ist,
in das er hineingeboren wurde. Er wird von seiner Umwelt definiert, um
ihn also möglichst genau beschreiben zu können, muss ich auch seine
Umwelt möglichst gut kennen. Und Superheldentum ist für mich gar nicht
so wichtig, tatsächlich hab ich es sogar lieber, wenn meine Charaktere
keine Superhelden sind (insoweit tendiere ich sogar eher Richtung
AD&D 2 als D&D).
YMMV.

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