Die Ausgabe des zwölften Drachen wird von einem weiteren Cover von Elrohir
geziert. Auch wieder sehr bunt, gefällt mir aber dennoch besser als das
der letzten Ausgabe. Dargestellt wird eine Szene aus der im Inneren
enthaltenen Erzählung von Andre Norton (dazu später mehr).
Das Editorial nutzt Tim Kask dieses Mal für einige Ankündigungen:
Verdoppelung der Abokosten wegen der Umstellung auf monatliches
Erscheinen, auch dadurch bedingt der Aufruf zur Einsendung von Material
und außerdem der Hinweis auf einen Sammelband, der die besten Artikel
aus den ersten sechs Drachen und den vorangegangenen Ausgabend er
Strategic Review sammeln soll.
Das einzig lustige an The More Humorous Side of D&D
von Leon Wheeler ist aus heutiger Sicht die Arroganz des Spielleiters,
der (teilweise zusammen mit anderen Spielern) einen als besonders dumm
ausgeguckten Spieler ständig gegen die Wand fahren lässt und dass dann
als lustig verkauft. So verkauft Wheeler das natürlich nicht, statt
dessen zeigt er die ganze Zeit nur auf den Spieler. Aber angesichts
solcher Spielleiter wundert man sich dann plötzlich weniger, wenn die
Spielerbevollmächtigung (Player Empowerment) inzwischen so modern
geworden ist.
Interessanter ist da schon der nächste Artikel. Rafael Orvalle wirft
„Einen Neuen Blick“ auf den (in der Strategic Review #4 vorgestellten) Illusionisten,
macht hier und da einige kleine Regelanfügungen, z.B. was die Fähigkeit
angeht, magische Gegenstände zu nutzen, und bastelt vor allem an der
Zauberliste, indem er sie um einige Magiersprüche erweitert und den ein
oder anderen Zauber modifiziert.
In dieser Ausgabe beginnt Jerome Arkenberg eine meiner Lieblingsserien im Dragon. The Persian Mythos
ist nur der erste einer Reihe von Artikeln, in denen verschiedene
irdische Göttermythologien mit Spielwerten aufbereitet, und damit dem
Spiel zugänglich gemacht werden. Ich finde es immer wieder erstaunlich
zu sehen, wieviele verschiedene Denksysteme und Religionen die
Menschheit in recht kurzer Zeit hervorgebracht hat, und bilde das auch
gerne in eigenen Welten ab. Übrigens finde ich die Tendenz, im
Rollenspiel zugunsten eines kleinen, kompakten Pantheons auf diese
Vielfalt freiwillig zu verzichten, ebenso erstaunlich. Jedenfalls habe
ich nie verstanden, dass es Spieler gibt, denen schon die Götterwelt der
Vergessenen Reiche oder Greyhawks viel zu umfangreich war. Aber jedem
das seine, schätze ich.
Jedenfalls geht es in diesem ersten Beitrag Arkenbergs um den
Zoroastrismus (oder Mazdaismus). Zwar scheinen sich ein paar kleinere
Fehler in die Kategorisierung der einzelnen Götterwesen eingeschlichen
zu haben. Zu den von Arkenberg „Erzengel“ genannten Amschaspand, zählt
er auch Mithra und Sraosha hinzu, die in diesem Zusammenhang eigentlich
eher in die Kategorie der Yazata gepasst hätten. Und wenn schon, hätte
er auch Rashnu dazu nehmen können, der eigentlich zu den beiden dazu
gehört.
Wie dem auch sei, natürlich kommt auch die böse Seite dieses Dualen
Glaubenssystem nicht zu kurz. Angra Mainy und ein paar der Daeva sind
auch vertreten. Zusätzlich packt Arkenberg auch noch ein paar der Helden
der iranischen Folklore dazu. Wenn ich bedenke, dass beispielsweise in
Golarion ja durchaus auch eine persisch beeinflusste Kultur existiert,
hab ich recht schnell einen Einsatzzweck für diese Religionsvariante.
Davon ab bringt mich sowas regelmäßig dazu, etwas rumzurecherchieren.
D&D erfüllt hier also voll und ganz seinen Bildungsauftrag.
Der nächste, kurze Artikel ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich doch die Verhältniss im D&D-Universum geändert haben. In Some Thoughts on the Speed of A Lightning Bolt
freut sich James Ward doch tatsächlich darüber, dass die
Nahkampf-Rundentabelle aus dem Buch Eldritch Wizardry dem Magieanwender
eine reelle Chance gegen Kämpfer im direkten Zweikampf gibt. Irgendwie
kann ich mir nicht vorstellen, dass im modernen D&D ein Designer so
etwas schreiben dürfte, ohne von seinem Redakteur direkt eines auf die
Mütze zu bekommen. Sicher waren die M-Us damals deutlich fragiler als
heutige Vollzauberer, aber so ganz arm und hilflos, wie man nach Wards
Worten den Eindruck bekommen könnte, waren sie auch schon damals nicht.
Ship’s Cargo von James Enders und John Caroll ist
noch kürzer und beschreibt ein einfaches System, wie man bei auf hoher
See aufgebrachten Schiffen die Ladung bestimmen kann.
The Druids ist ein wunderschöner Artikel von John
Brunner, in dem dieser unter Rückgriff auf die historischen Quellen das
wenige tatsächliche Wissen über die Druiden der Antike von dem
Mythenhaufen zu trennen, der sich in den darauffolgenden Jahrhunderten
über die historische Wahrheit gelegt hat. Da lacht mein Historikerherz,
zumal ich mich mit einigen der genannten Quellen selbst schon
beschäftigen durfte.
Grad waren wir noch bei irdischen Göttern, da legt Rob Kuntz noch ein der Fiktion entstammendes Pantheon nach. From the Sorcerer’s Scroll präsentiert die erste offizielle Umsetzung des Lovecraft-Mythos
in D&D-Spielwerte. Diese waren ja auch in den ersten beiden
Auflagen des später veröffentlichten Götterbuches Deities & Demigods
enthalten, bevor sie dann aus rechtlichen Gründen in der dritten
Auflage weggelassen wurde. Da Kuntz deutlich mehr Fluff an die einzelnen
Wesen dranhängt als das zuvor Arkenberg getan hatten, erhalten auch
Nichtkenner des Mythos einen ganz guten Ersteindruck davon, mit was für
grauenhaften Kreaturen man es hier zu tun bekommt.
Shameless Plug, so nennt die englischsprachige Welt wohl das, was Tim
Kask veranstaltet, wenn er in gerade mal 14 Zeilen eine
unverschämterweise als Review getarnte Lobpreisung des AD&D Monster Manuals
anstimmt. Nicht, dass es das nicht verdient hätte, aber für jemanden,
der sonst ständig seine redaktionelle Unabhängigkeit betont, ist das
schon ein sehr lächerliches Verhalten, zumal selbst die in der letzten
Ausgabe enthaltene ganzseitige Anzeige einen höheren Informationsgehalt
hatte.
Aber vielleicht musste Kask ja auch einfach nur den Platz
vollkriegen, denn im nun folgenden Ausschnitt aus dem ersten
D&D-Roman aller Zeiten, Andre Nortons Quag Keep,
werden die einleitenden Worte gleich zweimal hingeschrieben. Bei der
Gelegenheit fällt mir ein, dass die in den ersten Ausgaben
veröffentlichten Erzählungen um den jungen Tunichgut Dunstan offenbar
stillschweigend fallengelassen wurden. Aber was solls, die großartige
Andre Norton lese ich eh viel lieber.
Der Ausschnitt enthält die Einleitung des Romans, indem man erfährt,
dass mehrere Rollenspieler unserer Welt aus unbekannt bleibenden Gründen
in Gestalt ihrer Charaktere nach Greyhawk versetzt wurden. Dort
verlieren sie allerdings schnell ihre Erinnerungen an ihr früheres Ich
und müssen von Hystapes, einem Magier erst wieder über die Geschehnisse
aufgeklärt werden. Dieser Magier nun hat nichts besseres zu tun, als die
Spieler mit einem Geas zu belegen, um damit sicherzustellen, dass sie
der für die Ereignisse verantwortlichen Macht, die er als bedrohung
empfindet, nachstellen und sie zu besiegen versuchen. Interessant wird
das Ganze dadurch, dass jeder der Spieler/Charaktere ein Armband trägt,
an dem Würfel befestigt sind, die sich in bestimmten Momenten zu drehen
beginnen und offenbar immer noch Kontrolle über die Geschehnisse
ausüben.
Und damit sind wir für diese Ausgabe auch schon fast am Ende. Bleibt noch zu erwähnen, dass Wormy nach wie vor damit beschäftigt ist, Zwerge zu Mus zu stampfen, und dass Finieous
und seine beiden Kumpane auf dem Weg zum bösen Magier Telemark die
Vogelscheuche und den Zinnmann erschlagen (Dorothy und Toto können
entkommen, der Löwe ist eh gleich getürmt) und aufgrund einer
Verwechslung auch noch gleich Geppetto den Puppenmacher abzumurksen
versuchen. War ja auch zu leicht, das riesige Schloss mit dem
Totenkopftor hoch oben auf dem Berg zu übersehen.
Fazit: Ich bin fast geneigt, diese die beste bisher
erschienene Ausgabe des Dragon zu nennen. Die Artikel lesen sich nicht
nur gut, sondern enthalten nahezu alle auch nützliche Regelelemente,
wenn auch der Hintergrund überwiegt (was in meinem Buch ein dickes Plus
darstellt). Mir haben es, wie man wohl gemerkt hat, vor allem die
Götterartikel und der zu den Druiden gut gefallen. Und nun, da AD&D
am Horizont dräut, segeln wir ja nun auch solangsam in Gefilde, die
nicht mehr ganz so old-schoolig sind, aber dafür mehr meinem eigenen
Geschmack entsprechen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen