Das Editorial des vierundzwanzigsten Drachens fällt
diesmal etwas länglich aus, da Chefredakteur Tim Kask gleich mehrere
Themen auf den Nägeln brennen. Das wichtigste ist die künftige
Ausrichtung des Magazins, das in Zukunft alle Spiele und Spielgenres
umfassen soll, was natürlich ein sehr weites Feld ist. Außerdem nimmt
sich Kask, selbst ein Veteran des Vietnamkriegs, die Zeit für eine
Empfehlung des später mit fünf Oscars ausgezeichneten Antikriegs-Films
“Die durch die Hölle gehen”, den er speziell den Spielern ans Herz legt,
die den Kriegsaspekt des Spiels übersehen, verniedlichen oder
ignorieren. Außerdem kündigt er den Abschied Joe Orlowskis aus der
Redaktion an, der durch den Rückkehrer Gary Jacquet ersetzt werden wird.
Um fantastische untergegangene Zivilisationen erweitert Eric J. Holmes das bereits im Dragon besprochene Expeditionsspiel Source of the Nile. Sein Beitrag Lost Civilisations orientiert
sich dabei an Autoren wie Henry Rider Haggard oder Edgar Rice
Burroughs, deren Afrika-Romane ja ebenfalls dem mythischen mehr als dem
historischen Kontinent verhaftet waren. Der Artikel bildet auch den
Hintergrund zu Elrohirs gelungenem Titelbild, auch wenn es für meinen
Geschmack wenig afrikanisch anmutet.
Keeping the Magic-User in his Place hört sich
zunächst mal wieder nach dem Titel eines typischen Artikel aus der Reihe
“Wie verderbe ich meinen Spielern den Spaß?” an. Damit tut man Ronald
Pehr aber Unrecht, denn statt einfach – wie oft gelesen – den Faktor
Spielleiterwillkür einzusetzen, schlägt er statt dessen regeltechnische
Begrenzungen der Macht des Magiers vor.Sein Vorschlag, Magier auf
bestimmte Themen zu spezialisieren und den Zugang zu anderen Zaubern zu
verbieten, wurde zwar später nur in abgeschwächter Form (über die
Magieschulen) umgesetzt. Aber sowohl die Fehlschlagchance für Zauber,
die Notwendigkeit zur Konzentration wie auch die Festlegung
einschränkender Zauberdauer sind inzwischen durchaus alte Bekannte
geworden. Und das gleiche Boni sich nicht addieren, sondern nur der
stärkere Bonus gewertet wird, hat in spätere Editionen festen Eingang
gefunden.
David Sweet erweitert das bestehende D&D-Bestiarium um 6 Chinesische Drachen. Die wichtigsten Werte und ganz kurze Beschreibungen müssen aber zu diesem Zwecke ausreichen.
Jon Mattson stellt alternative Regeln für die Infektion mit Lykanthropie
vor. Dabei unterscheidet er zwischen verschiedenen Formen der
Lykanthropie (rein äußerliche Veränderung, rein innerliche Veränderung,
Mischformen) und entwickelt eine Art Template für die regeltechnischen
Veränderungen, die Lykanthropie bei einem Menschen verursacht.
Gary Gygax schlägt nach der Lektüre einiger historischer
Artikel und der dazugehörigen historischen Quellen ein paar
Regeländerungen bzw.-Erweiterungen für das von ihm geschaffene
Kriegsspiel Classic Warfare vor.
Einen recht interessanten historischen Beitrag steuert
James E.Brunner zu dieser Ausgabe bei. Dass die Wikinger auf ihren
Reisen sehr weit herumkamen, ist nichts ganz unbekanntes, aber dass sie
es bis ins Kaspische Meer geschafft haben und dort sogar die Stadt
Barda’a eroberten, ist sicherlich eine kleine Überraschung für jeden,
der mit der osteuropäischen Geschichte nicht so vertraut ist. Der
Beschreibung der historischen Ereignisse in A Viking Campaign in the Caspian Sea folgen Ideen für die Umsetzung der Kampagn im Rahmen von Classical Warfare.
Manchmal liebe ich Gary Gygax. Speziell dann wenn ich
mich mal wieder darüber ärgere, wie dominant der Kampf in den neueren
D&D-Varianten geworden ist und dann Sätze lese wie: “Hacking and
slewing should not, of course, be the first refuge of the beleaguered
D&Der, let alone his or her initial resort when confronted with a
problem situation. Naturally enough, a well run campaign will offer a
sufficient number of alternatives as well as situations which encourage
thinking, negotiation, and alternatives to physical force.”
Das schreibt er witzigerweise in einem The Melee in D&D übertitelten Beitrag aus der Sorcerers’ Scroll,
in dem es gerade eben um eine Verteidigung des Kampfsystems in D&D
und AD&D geht. Ein höchst lesenswerter Artikel, in dem man auch
erfährt, wie sich Gygax die Abstraktion eines konkreten, realen Kampfes
im Rahmen von D&D vorstellt und was für ihn die Definition von
Trefferpunkten ist.
Dungeon – More Variations on the theme enthält eine Reihe von Regelvarianten für das Original des kürzlich von WotC wiederveröffentlichten Spieleklassikers Dungeon!.
Ich habe es selber nie gespielt, deswegen enthalte ich mich auch einer
Wertung der veröffentlichten Varianten. Wäre aber mal interessant zu
sehen, ob die auch mit der aktuellen Auflage funktionieren.
In seiner Artikelreihe Armies of the Renaissance
wendet sich Nick Nascati dieses Mal den Schweizern zu. Der Artikel
scheint allerdings ein wenig unnötig, da vor erst 2 Ausgaben Gary Gygax
viel ausführlicher dieses Thema beleuchtete.
Zeit für ein wenig Humor. Darrel Plant und Jon Pitchfork beschreiben eine neue Art von Monstern, die sogenannten Narcisstics,
die in einer männlichen und einer weiblichen Variante existieren. Diese
Wesen sind extrem nervtötend und können nur mit gezielten Beleidigungen
beschädigt werden.
Ronald Pehr versucht in Psionics Revisited, ein
wenig System in die Zuordnung von psionischen Zaubern zu den einzelnen
Charakterklassen zu bringen. Zu diesem Zweck unterscheidet Peer zwischen
kognitiven, kinetischen und Anti-PSI-Zaubern und ordnet diese grob den
Klassen zu. Die Listen enthalten einige neue Zauber/Zaubervarianten und
erweitern so die Optionsvielfalt für Psioniker.
Lenny Buettuer hat ein paar Zufallstabellen für Krankheiten entwickelt,
mit denen man die Dauer des Krankheitsverlaufs sowie die Anzahl und Art
der Symptome auswürfeln kann. Namen für die Krankheiten gibt es nicht,
dafür sind sie umso tödlicher, sofern man keinen Rettungswurf schafft.
Stanley Schriefer zeichnet die Ereignisse von Bergenhone 77
nach, wo der Glaube der USA an ihre militärische Überlegenheit einen
heftigen Schlag erhielt, als man im Rahmen eines Freundschaftskampfes
weder mit den Kanadiern noch den Deutschen mithalten konnte. Heute kaum
noch vorstellbar (zumindest was die Bundeswehr angeht^^).
In The Return of Conan Maol versucht Paul
Karlsson Johnstone nachzuweisen, das besagter Conan, ein Held der
irischen Legende, tatsächlich eine historische Gestalt gewesen sei. Als
Beweis dient eine Inschrift, die den Namen des Helden und einige dazu
passende Daten enthält. Geschichtsforschung im Dragon, das ist doch mal
was neues.
Lawrence Schick unternimmt in Choir Practice at the First Church of Lawful Evil (Orthodox): The Ramifications of Alignment
den ambitionierten Versuch, die dem Gesinnungssystem inherenten
Probleme etwas abzumildern. In seinen Augen macht es wenig Sinn, die
Moorcocksche Einteilung in Gesetz und Chaos mit der christlichen
Unterscheidung von Gut und Böse zu vermischen. Statt dessen ordnet er
den Gesinnungen Ordnung, Neutralität und Chaos jeweils 5 dazu passende
philosophische Basiskonzepte zu und erzeugt so 15 Gesinnungen. Diese
werden definiert und um eine Gottheit ergänzt, so dass man mit dem
Gesinnungssystem direkt ein dazu passendes Pantheon erhält. Ein
interessanter Ansatz, der allerdings nicht konsequent durchgesetzt
wurde, schleicht sich doch bei einigen Erklärungen die Gut-Böse-Achse
durch die Hintertür wieder hinein. Immerhin aber sind die meisten
Gesinnungen viel flexibler und würden das bekannte Problem lösen, dass
Paladine nicht mit “bösen” Charakteren zusammen arbeiten können.
G. Arthur Rahman steuert in Naming People, Places and Things in Petal Throne
einen Namensgenerator für Charaktere in M.A.R. Barkers Welt bei, der
für meinen Geschmack allerdings zu fremdartige Namen erzeugt, die mir
auch nicht besser ins Setting zu passen scheinen als die von Rahman zu
Recht kritisierten “Mariuses, Borises and Igors”.
Ein paar nette Bilder sind das Ergebnis des zweiten Featured Creature Contest.
Die Zahl der Teilnehmer wird zwar beklagt, aber die abgedruckten
Preisträger lassen sich durch die Bank weg sehen. Dennoch soll das der
letzte Wettbewerb dieser Art sein.
Der SL gewinnt IMMER! Das ist die augenzwinkernde Lektion von James M. Wards Monty Haul and the Best of Freddie, in der Freddie (he was a lightweight DM as far as DMs went)die
Gruppe doch tatsächlich zum Einsatz ihrer mächtigsten Artefakte zwingt
und die SC am Schluss trotzdem die Beine in die Hand nehmen müssen.
Robert E. Smiths Defense of Extraordinary Charakters
ist zu kurz, um sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen. Dass er
neben Superman und Herkules aber auch Odysseus und Robin Hood als
Kronzeugen anführt, zeigt, dass er die Kritik an der Übermacht
hochstufiger Helden nicht richtig verstanden hat.
Allen Hammacks Besuch bei der Society for Creative Anachronism
ließ einen faszinierten Besucher zurück. Was man leicht als eine
Frühform des LARP abtun könnte, war in den USA sogar als
Bildungsorganisation anerkannt, bei der man auch eine ganze Menge über
das Leben im Mittelalter lernen konnte. Beziehungsweise kann, denn die
SCA gibt es auch heute noch, sogar mit Ablegern in Deutschland.
Alles in Allem eine recht kurzweilige Ausgabe, aus der
die Beiträge von Gary Gygax und Lawrence Schick herausragen. Obwohl ich
mich über etwas mehr direkt spielrelevantes Material durchaus freuen
würde.

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