Ich liebe realistische Spielwelten. Und ja das hab ich mit Absicht
gesagt, für all diejenigen, denen bei der Erwähnung des Wortes Realismus
schon gleich der Blutdruck steigt. Tatsächlich meine ich natürlich
„glaubwürdig“, wenn ich „realistisch“ sage, und bin mir des
Unterschiedes zwischen diesen beiden Worten wohl bewusst. Und trotzdem
geht mir die manchmal betriebene Wortklauberei bezüglich dieser beiden
Begriffe unglaublich auf den Keks. Ich denke nämlich, dass die meisten,
die den Begriff Realismus verwenden, damit natürlich eigentlich die
Glaubwürdgkeit einer Spielwelt meinen, und unterstelle jenen, die sich
daran dann aufhängen, dass sie das auch eigentlich ganz genau wissen.
Mit dem Totschlagargument „Realismus in einer Fantasywelt gibt’s ja gar
nicht“ gehen sie aber scheinbar elegant der eigentlich mit den beiden
Begriffen verbundenen Diskussion aus dem Weg, wie glaubwürdig denn so
eine Welt eigentlich sein soll und wieviel Realismus denn dann doch
dazugehört.
Ich behaupte nämlich, dass eine glaubwürdige Spielwelt nur
theoretisch ohne eine heilsame Dosis Realismus auskommen kann. Diese
Dosis ermöglicht es den Spielern nämlich erst, eine Beziehung zu dieser
Spielwelt herzustellen, sie zu imaginieren und auf diese Weise die
notwendige sogenannte Suspension of Disbelief aufzubauen, dank derer man
mit den fantastischen Elementen der Spielwelt zurechtkommt.
Fantastischer Realismus, so nennt das DSA, und wenn man genau darüber
nachdenkt, könnte man den Begriff selbst auf die hochmagischen Welten
von D&D oder Pathfinder anwenden, die Realms, Eberron, Golarion und
wie sie sonst noch alle heißen mögen. Diese beruhen nämlich alle auf der
selben Prämisse, nämlich dass dort, wo nichts anderes angegeben ist,
die Naturgesetze der realen Welt gelten. Das Wasser fließt abwärts,
Apfel fallen vom Baum nach unten undsoweiterundsofort. Bis zu einer
gewissen Grenze sind diese Welten also sehr wohl realistisch, nämlich
„der Wirklichkeit entsprechend“.
Allerdings, und da liegt nun der Hase im Pfeffer, hat nicht jeder
Spieler denselben Realitätsanspruch an die von ihm bespielte Welt. Ich
tu mir zwar schwer mit dem Gedanken, dass Rollenspiel völlig ohne
simulationistische Aspekte Spaß machen kann, aber sollte jemand darauf
wirklich absolut keinen Wert legen, wird’s ihn auch kaum interessieren,
wieviel Realismus der Spielwelt inhärent ist, vielleicht wird er ihn
sogar komplett ablehnen. Andere Spieler haben aber ein Problem damit,
wenn Gebäude, die angeblich vor 10000 Jahren errichtet wurden und
offenbar nicht magisch geschützt sind, keinerlei Verfallsspuren
aufweisen oder wenn in einem Kaufabenteuer der vorgeschlagene zeitliche
Ablauf praktisch gar nicht umsetzbar ist, weil er die Regeln der
Spielwelt (inklusive ihrer realistischen Aspekte) verletzen würde.
So gesehen ist die Aussage: „Das ist aber unrealistisch“ kein Hinweis
auf eine falsche Herangehensweise des Spielers, sondern nur ein Hinweis
darauf, dass sein Realitätempfinden mit dem des Spielleiters,
Abenteuerautor oder Weltenerschaffers kollidiert und der Spieler hier
die Glaubwürdigkeit der Welt verletzt sieht.
Das kann daran liegen, dass der Spieler aufgrund einer Wissenslücke
oder eines logischen Fehlschlusses ein Element des Spiels aus falschem
Blickwinkel betrachtet. Das kann aber auch daran liegen, dass
Spielleiter, Abenteuerautor oder Weltenerschaffer die Wissenslücke oder
der logische Fehler widerfahren ist. Und in beiden Fällen ist es sehr
hilfreich, wenn man den Mitspielern zuliebe nicht lange rumdiskutiert,
sondern das auf einen Zeitpunkt nach dem Spiel (oder, falls rechtzeitig
bekannt, davor) verlegt.
Zwei Hinweise zum Schluss: Die Frage nach dem Realismusgrad von
Spielregeln ist nochmal ein ganz anderes Thema, das ich hier komplett
ausgeklammert habe. Hier gings um die Notwendigkeit realistischer
Elemente für eine Spielwelt, nicht mehr und nicht weniger.
Und zweitens darf das keine Entschuldigung dafür sein, einfach alles
als unrealistisch zu bezeichnen, was einem nicht in den Kram passt. Dann
wird’s nämlich zum völlig bescheuerten Totschlagargument gegen die
Mitspieler und damit bringt man dann die anderen zu Recht auf die Palme.
Statt dessen kann man sich ja vor Beginn einer Spielrunden kurz auch
mal darüber unterhalten: Wie realistisch hätten wir es denn gerne?

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