Donnerstag, 20. Februar 2014

[Nachgedacht]Wie realistisch hätten’s denn gern?

Ich liebe realistische Spielwelten. Und ja das hab ich mit Absicht gesagt, für all diejenigen, denen bei der Erwähnung des Wortes Realismus schon gleich der Blutdruck steigt. Tatsächlich meine ich natürlich „glaubwürdig“, wenn ich „realistisch“ sage, und bin mir des Unterschiedes zwischen diesen beiden Worten wohl bewusst. Und trotzdem geht mir die manchmal betriebene Wortklauberei bezüglich dieser beiden Begriffe unglaublich auf den Keks. Ich denke nämlich, dass die meisten, die den Begriff Realismus verwenden, damit natürlich eigentlich die Glaubwürdgkeit einer Spielwelt meinen, und unterstelle jenen, die sich daran dann aufhängen, dass sie das auch eigentlich ganz genau wissen. Mit dem Totschlagargument „Realismus in einer Fantasywelt gibt’s ja gar nicht“ gehen sie aber scheinbar elegant der eigentlich mit den beiden Begriffen verbundenen Diskussion aus dem Weg, wie glaubwürdig denn so eine Welt eigentlich sein soll und wieviel Realismus denn dann doch dazugehört.

Ich behaupte nämlich, dass eine glaubwürdige Spielwelt nur theoretisch ohne eine heilsame Dosis Realismus auskommen kann. Diese Dosis ermöglicht es den Spielern nämlich erst, eine Beziehung zu dieser Spielwelt herzustellen, sie zu imaginieren und auf diese Weise die notwendige sogenannte Suspension of Disbelief aufzubauen, dank derer man mit den fantastischen Elementen der Spielwelt zurechtkommt. Fantastischer Realismus, so nennt das DSA, und wenn man genau darüber nachdenkt, könnte man den Begriff selbst auf die hochmagischen Welten von D&D oder Pathfinder anwenden, die Realms, Eberron, Golarion und wie sie sonst noch alle heißen mögen. Diese beruhen nämlich alle auf der selben Prämisse, nämlich dass dort, wo nichts anderes angegeben ist, die Naturgesetze der realen Welt gelten. Das Wasser fließt abwärts, Apfel fallen vom Baum nach unten undsoweiterundsofort. Bis zu einer gewissen Grenze sind diese Welten also sehr wohl realistisch, nämlich „der Wirklichkeit entsprechend“.

Allerdings, und da liegt nun der Hase im Pfeffer, hat nicht jeder Spieler denselben Realitätsanspruch an die von ihm bespielte Welt. Ich tu mir zwar schwer mit dem Gedanken, dass Rollenspiel völlig ohne simulationistische Aspekte Spaß machen kann, aber sollte jemand darauf wirklich absolut keinen Wert legen, wird’s ihn auch kaum interessieren, wieviel Realismus der Spielwelt inhärent ist, vielleicht wird er ihn sogar komplett ablehnen. Andere Spieler haben aber ein Problem damit, wenn Gebäude, die angeblich vor 10000 Jahren errichtet wurden und offenbar nicht magisch geschützt sind, keinerlei Verfallsspuren aufweisen oder wenn in einem Kaufabenteuer der vorgeschlagene zeitliche Ablauf praktisch gar nicht umsetzbar ist, weil er die Regeln der Spielwelt (inklusive ihrer realistischen Aspekte) verletzen würde.

So gesehen ist die Aussage: „Das ist aber unrealistisch“ kein Hinweis auf eine falsche Herangehensweise des Spielers, sondern nur ein Hinweis darauf, dass sein Realitätempfinden mit dem des Spielleiters, Abenteuerautor oder Weltenerschaffers kollidiert und der Spieler hier die Glaubwürdigkeit der Welt verletzt sieht.

Das kann daran liegen, dass der Spieler aufgrund einer Wissenslücke oder eines logischen Fehlschlusses ein Element des Spiels aus falschem Blickwinkel betrachtet. Das kann aber auch daran liegen, dass Spielleiter, Abenteuerautor oder Weltenerschaffer die Wissenslücke oder der logische Fehler widerfahren ist. Und in beiden Fällen ist es sehr hilfreich, wenn man den Mitspielern zuliebe nicht lange rumdiskutiert, sondern das auf einen Zeitpunkt nach dem Spiel (oder, falls rechtzeitig bekannt, davor) verlegt.

Zwei Hinweise zum Schluss: Die Frage nach dem Realismusgrad von Spielregeln ist nochmal ein ganz anderes Thema, das ich hier komplett ausgeklammert habe. Hier gings um die Notwendigkeit realistischer Elemente für eine Spielwelt, nicht mehr und nicht weniger.

Und zweitens darf das keine Entschuldigung dafür sein, einfach alles als unrealistisch zu bezeichnen, was einem nicht in den Kram passt. Dann wird’s nämlich zum völlig bescheuerten Totschlagargument gegen die Mitspieler und damit bringt man dann die anderen zu Recht auf die Palme.

Statt dessen kann man sich ja vor Beginn einer Spielrunden kurz auch mal darüber unterhalten: Wie realistisch hätten wir es denn gerne?

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