Der zweiundzwanzigste Drache deutet schon mit dem zweiteiligen Cover
an, dass sich wieder etwas getan hat. Ab dieser Ausgabe nämlich ist der
Dragon mit dem Schwestermagazin Little Wars zusammengelegt, in dem es
hauptsächlich um Miniaturen und Kriegsspiele ging. Dadurch wächst zwar
der Umfang auf 56 Seiten, wobei dieser Zuwachs für mich eher
uninteressant sein dürfte, weil ich mich eben nicht besonders für
Miniaturen und Kriegsspiele interessiere.
The First Assassins ist ein historischer Abriss der
Geschichte um die Geschichte der Assassinen von Alamut im 11. Jhd. n.
Chr. Autor John Brunner scheint dabei recht sorgfältig recherchiert zu
haben und wartet mit einer Vielzahl von historischen Details auf,
leider, ohne dabei auf die Literatur zu verweisen, die er dazu
herangezogen hat. Gut, nun geht’s hier ums Rollenspiel, nicht um
Geschichtsforschung. Aber trotzdem gehört das für mich mit dazu, da der
interessierte Leser vielleicht tiefer in das Thema einsteigen möchte.
Sieht Gary Gygax wohl genau so, denn bei ihm findet sich in seinem Beitrag Irresistible Force
ein solches (wenn auch kleines) Literaturverzeichnis. Seine
Beschreibung der Geschichte und der Struktur der Armee der Schweizer
Konföderation ab 1291 ist hochinteressant zu lesen , wenn auch natürlich
wieder mehr an Kriegs- denn an Rollenspieler gerichtet.
Es folgt der Beginn einer neuen Serie, Armies of the Rennaissance,
in deren erstem Teil Nick Mascati erst mal den Status Quo am Ende des
hundertjährigen Krieges beschreibt. Auch hier darf ein Hinweis auf die
dafür benutzte Literatur nicht fehlen.
Schnell über die beiden Brettspielrezensionen zu Up-Scope und Panzerkrieg
hinwegfliegend, lande ich bei einem von Gygax’ berühmt-berüchtigten
Rants, in dem er seinen Privatkrieg mit den Betreibern von
Amateur-Magazinen fortsetzt. Ich kenne die beiden kritisierten Magazine Apprentice und Phoenix.
Dummerweise verzichtet Gygax auf eine vernünftige, inhaltliches
Rezension, sondern hängt sich lieber am schlechten Druck (Phoenix) und
der Kritik an D&D/Dragon Magazine (Apprentice) auf. Und das ganze in
einem so beleidigenden, möglichst verachtungsvollen Duktus, dass der
einzige, der bei dem Artikel am Ende schlecht wegkommt, Gary Gygax
selber ist.
Die periodisch im Dragon abgedruckte Liste kontaktbereiter
Spielleiter ist inzwischen auf über 500 Einträge angewachsen und nimmt
inzwischen 9 Seiten ein. Auch eine Art, den Platz vollzubekommen.
Wir sind auf Seite 29 angelang, und nun wird’s endlich auch für D&D-Spieler interessant. In Dungeons & Dragons – What It Is And Where It is Going
resümiert Gary Gygax die bisherige Entwicklung und gibt einen Ausblick
darauf, wie er sich die weitere Entwicklung des Spiels vorstellt. Gygax
beginnt mit seiner Einschätzung der Gesamtzahl der Spieler (~150.000)
und der Angabe, dass sich das Spiel ca. 4.000mal pro Monat verkaufe.
Wohlgemerkt, wir schreiben das Jahr 1979 und noch für 1975 geht Gygax
von gerade mal 4000 im Umlauf befindlichen Exemplaren aus, woran man
schön erkennen kann, wie die Popularität des Spiels in diesem Zeitraum
geradezu explodiert ist. Diese Popularität zeige sich auch an den vielen
Interviews, in denen er inzwischen von verschiedenen Medien zu dem
Phänomen D&D befragt werde, und in denen er zu erklären zu versuche,
was dieses Spiel denn eigentlich ausmache. Für ihn liegen die
Schwerpunkte auf kooperativem Spiel, der Möglichkeit zur Exploration und
ihrer narrativen Darstellung durch Spielleiter und Spieler. Damit
erklärt Gygax sich auch die wachsende Popularität des Genres der
Rollenspiele. In der Realität wären die weißen Flecken auf der Landkarte
zusehends am Schrumpfen und mache die zunehmende Technisierung das
Erleben von Abenteuern immer schwieriger. Das Reich der Phantasie biete
quasi unbegrenzten Raum für beides und habe daher einen natürlichen
Appeal für die Menschen.
Allerdings seien dem Wachstum von D&D durch die Zugänglichkeit
(wie leicht kommt man an das Spiel?) und Schwierigkeitsgrad (wie steil
ist die Lernkurve?) Grenzen gesetzt. Mit dem Basic Set habe man daher
versucht, maximale Zugänglichkeit mit minimalem Schwierigkeitsgrad zu
verbinden um damit das Spiel für potentielle Millionen von Spielern
interessant zu machen. Wobei Gygax sich darüber im klaren ist, dass es
nicht möglich sein wird, die Regeln so stark zu vereinfachen, dass man
die Popularität eines Blockbusters wie Monopoly erreichen könne.
Interessant finde ich Gygax’ Haltung zur Frage neuer Auflagen. Er
steht nämlich der Haltung, dass Veränderung gleichzusetzen mit
Verbesserung sei, recht skeptisch gegenüber. Zwar ist ihm als Verkäufer
klar, dass sich mit dieser zunehmend in der Gesellschaft verankerten
Einstellung massiv viel Geld machen lasse („From a standpoint of sales, I
beam broadly at the very thought of an unending string of new,
improved, super, energized versions of D&D being hyped to the loyal
followers…“), aber als Spieledesigner sieht er das etwas
differenzierter. Zwar geht er nicht soweit, D&D im aktuellen Zustand
als perfekt zu betrachten; er glaubt aber auch nicht, dass das Spiel so
„unperfekt ist, dass es ständiger Verbesserung (in größerem Rahmen)
bedarf“ und geht daher eher von gradueller Weiterentwicklung des Systems
als von revolutionär neuem Design aus.
Wo er allerdings noch großen Raum zur Weiterentwicklung sieht, ist im
Bereich der Computerspiele. Und angesichts des Jahres wird es hier
geradezu visionär, denn 1979 war vom Siegeszug der Personal Computer
noch keine Rede. Das Computerrollenspiele einst eine wichtige Rolle
spielen würden, war damals noch nicht im geringsten abzusehen.
Gygax endet mit der Bemerkung, dass seine Kolumne als Startpunkt
eines öffentlichen Forums gedacht sei, auf dem Designer und Spieler ihre
Gedanken zu umstrittenen Bestandteilen des Spiels austauschen, Fehler
und mögliche Verbesserungen identifizieren und Regelvarianten vorstellen
könnten. Die Inklusion der Spielermeinungen, die ja heute im RPG-Design
das große Ding ist (öffentliche Beta-tests und co.) hatte er also auch
damals schon als wertvoll erkannt, wenn auch die fehlende
Internettechnik den Meinungsaustausch deutlich erschwerte.
Sehr schöner Beitrag, der einige Wahrheiten enthält, die wohl auch heute noch ihre Gültigkeit haben.
Es folgt ein Stück Werbung, dass ich als einigermaßen ärgerlich
empfinde, da es von der Aufmachung her wie ein normaler Magazinartikel
wirkt. Normale Werbung blende ich (sofern es mich nicht interessiert,
automatisch einfach aus, und dass mir das hier nicht gelingt, hat mich
dann doch sehr geärgert. Geschickt gemacht, klar, aber auch so ziemlich
die beste Methode, mich als Kunden zu vergraulen. Worum es geht: um ein
Brettspiel namens 4th Dimension, eine Art Schach, bei
der man zwischendurch Figuren vom Brett verschwinden lassen und zu
variablen Zeitpunkten wieder draufsetzen kann. Hätte mich wahrscheinlich
sogar zum Lesen animiert, wenn es als Rezension dahergekommen wäre.
Gary Gygax hat das Thema AD&D in seinem Artikel angesprochen
gehabt, jetzt kommt die dazugehörige 9-seitige Sneak Preview auf den
anstehenden AD&D Dungeon Master’s Guide, die neben einer
auflistenden Beschreibung einiger magischer Gegenstände auch diverse
Kampfrelevante Matrizen enthält.
Dann wird’s wieder rantig, und natürlich ist es wieder EGG, der
offensichtlich einfach nicht weiß, wann er besser mal die Klappe halten
sollte. Richard Berg hat in SPI Hausmagazin Strategy & Tactics
scheinbar eine weniger als unterwürfig-positive Rezension des AD&D
Player’s Handbook verfasst, und anstatt die scheinbar vorliegenden
inhaltlichen Fehler richtigzustellen, muss Gygax natürlich wieder
persönlich werden und nicht nur gegen Berg, sondern gleich auch gegen
SPI insgesamt vom Leder ziehen. Vorhin hat Gygax sich noch gegen die
Unterstellung verwahrt, der Dragon würde schamlose Selbstverehrung
betreiben und darauf bestanden, dass das Magazin völlig unabhängig von
der Elternfirma TSR operiere. Und dann schreibt er in einer Ausgabe
gleich zwei Beiträge, die das Gegenteil beweisen. Ach, wenn er nur
geschwiegen hätte…
Über den nächsten Artikel von Josh Gosling, Stalemate at Kassala,
gehe ich einfach hinweg. Darin geht’s um die Ablaufsbeschreibung einer
Kriegsspielrunde, und weder Interesse noch Wissen reichen aus, um
darüber etwas substantielles zu sagen.
Schnell zu etwas erfreulicherem: Finieous Finger lässt
sich auf seinem Weg zum Drachenhort schnell noch von einem kleinen
grünen Wesen namens Grollum einen Ring der Unsichtbarkeit andrehen.
Dummerweise ist das Wesen so echt wie der Ring, was sich zu einer
feurigen Überraschung ergibt, als er die Drachenhöhle erreicht. Denn da
ist inzwischen auch Cousin Megatroid eingetroffen.
Und noch einmal Gary Gygax, diesmal wieder von seiner besseren Seite. In The Nomenclature of Pole Arms entwickelt
er ein Kategorisierungs- und Benennungssystem für die Vielzahl von
Stangenwaffen, die sich im Mittelalter entwickelten. Ohne Experte zu
sein (also ohne zu wissen, wieviel davon originär und wieviel schon in
anderen Quellen enthalten war, liest sich de Artikel durchaus sinnreich,
auch wenn für das Rollenspiel an sich wahrscheinlich die Grundformen
völlig ausreichend sind.
B1-In Search of the Unknown ist das diesmal
beworbene Abenteuermodul aus eigenem Hause. Wie ich insgesamt eh den
Eindruck hatte, dass der Werbeanteil am Magazin durchaus mit dem Umfang
gewachsen ist. Das mag aber täuschen, und ich hab keine Lust
nachzuzählen.
Fazit: Man möchte sagen: zuviel Gygax. Es macht
einfach keinen guten Eindruck, wenn ein Magazin, dass ständig seine
Unabhängigkeit betont, den Chefdesigner zu oft zu Wort kommen lässt und
die behandelten Themen nur einseitig beleuchtet (sprich keinen Platz zur
Gegenrede einräumt). Auch gefällt mir die Vereinigung mit Little Wars
nicht so recht, weil mein Interesse natürlich in der Hauptsache dem
Rollenspiel gilt. Das die Wargame-lastigen Artikel allerdings durch die
Bank weg interessant waren, ist vor allem meinem historischen Interesse
zuzuschreiben. Direkte Inspiration für mein eigenes Spiel fand ich jetzt
nicht, aber von der Qualität an sich her, sind die Artikel durch die
Bank weg besser als die vieler Vorgängerausgaben. Insoweit also ein
schönes Heft, aber leider nichts für mich.

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